Ostad Elahi wurde in ein Umfeld geboren, in dem die sakrale Musik über Jahrhunderte hinweg ein Teil des täglichen Lebens war. Von klein auf zeigte er eine außergewöhnliche musikalische Begabung, vor allem auf der Tanbur (einer antiken Langhalslaute), die in der Tradition, die an ihn und seinen Vater vererbt worden war, das Musikinstrument der Wahl darstellte. Sein Vater Hadj Nemat, selbst einer der Meister-Tanburspieler seiner Zeit, zeichnete sich von Anfang an persönlich verantwortlich für die musikalische Ausbildung seines Sohnes. Als das Kind Nur Ali mit dem Tanburspiel begann, war es so klein, dass seine Hände die Bünde eines herkömmlichen Instruments nicht umfassen konnten und so ließ sein Vater eigens für ihn aus einem hölzernen Schöpflöffel eine Tanbur in der richtigen Größe anfertigen.
Unter den Freunden und Mystikern, die aus unterschiedlichen Regionen des Irans und sogar aus diversen Ländern des Orients anreisten, um Hadj Nemat einen Besuch abzustatten, befanden sich auch viele exzellente Musiker. Das Kind verbrachte viel Zeit mit diesen Pilgern, und auf die Bitten seines Vaters hin weihten die Meister es in die Geheimnisse ihrer Kunst ein. Auch auf den Reisen, die Vater und Sohn gemeinsam in verschiedene Teile des Landes unternahmen, trafen sie ebenfalls auf viele lokal ansässige Tanburspieler, die ihr Wissen mit diesem Wunderkind teilten. So machte sich Ostad Elahi von früher Kindheit an mit den technischen Feinheiten der kurdischen, lorischen, persischen, türkischen, arabischen und sogar der indischen Musik vertraut. Aufgrund seiner erstaunlichen musikalischen Begabung hatten sein Spiel und seine Repertoirekenntnis bereits im Alter von sechs Jahren ein Niveau erreicht, das allgemeine Bewunderung hervorrief, und mit neun Jahren war er Meister der Tanbur, so dass niemand es wagte, in seiner Gegenwart zu spielen. Während der folgenden zwölf Jahre, in denen er sich regelmäßig in Askese übte, gelang es ihm, die Bande zu diesem Instrument noch enger zu knüpfen und die unbeschreiblichen Sphären der spirituellen Musik nach und nach zu durchschreiten. Es war auch zu dieser Zeit, da er manchmal ganze Nächte bis zum Morgengrauen mit dem Tanburspiel verbrachte, versunken in Gebet und spirituellen Visionen. Seinen Worten zufolge lichteten sich die Schleier und die Geheimnisse der unsichtbaren Welt offenbarten sich ihm. Es waren womöglich diese inneren Zustände, die seine Verbindung zur spirituellen Musik im Allgemeinen und zur Tanbur im Besonderen stärkten, so dass das Musizieren stets einen wichtigen Teil seines Tagesprogramms bildete.
Als ich jung war, hatten wir ein Haus, das in jeder Hinsicht [spirituell] geeignet war… Ich hatte ein Zimmer für mich und von Zeit zu Zeit nahm ich des Nachts meine Tanbur und spielte spirituelle Musik... Manchmal war der Raum durchflutet von Sonnenlicht und dann erst wurde mir bewusst, dass ich die ganze Nacht gespielt hatte. (Worte der Wahrheit)
Auch seine berufliche Tätigkeit hielt Ostad Elahi nicht davon ab, sich seiner Musik zu widmen und so nahm sie stets einen zentralen Platz in seinem Leben ein. Nicht nur, dass er die Musik als Mittel einsetzte, um die Aufmerksamkeit auf die Quelle zu lenken, er war auch beständig damit beschäftigt, sie weiter zu erforschen. An welche Orte er auch immer im Rahmen seiner Tätigkeit im Rechtswesen umziehen musste, stets freundete er sich mit Musikern an, die in der Region als Meister bekannt waren, um von ihnen neue Techniken zu erlernen und seine Forschungen zu vertiefen. In Teheran hatte er mit den größten Musikern seiner Zeit Umgang, insbesondere mit Darvish Khan (1872-1926) und später Abolhassan Saba (1902-1957). Neben der Tanbur beherrschte er noch eine Reihe weiterer Instrumente, wie die Tar, die Setar und die Violine. Durch diverse Versetzungen kam er zudem mit der türkischen und chorassanischen Musiktradition in Berührung.
Zwei Dinge gibt es, für die mir meine Zeit nie zu schade war: das Tanburspiel und der spirituelle Weg. (Worte der Wahrheit)
Da Ostad Elahi die Musik in erster Linie zum Ziel der Meditation und des Gebets einsetzte, spielte er stets alleine und nur zu ganz seltenen Gelegenheiten im engen Kreis seiner Familie und seiner Freunde.
In den letzten Jahren seines Lebens, nachdem er sich von seiner Tätigkeit als Richter zurückgezogen und sich in Teheran niedergelassen hatte, begann sich sein Ruf auszubreiten, und diverse Fachleute sowie bedeutende Musikkenner und -künstler entdeckten seine Musik. Einer dieser Musiker, der auf ihn aufmerksam wurde, war Musa Marufi, der große Meister persischer Musik. Als er die Musik von Ostad Elahi hörte, verfasste er einen langen Artikel über den tiefgreifenden Einfluss, die diese Musik auf ihn hatte, ohne indes seinen Namen zu nennen. Sein Bericht weckte die Neugier der Experten, und so kamen von diesem Tag an Künstler und Musiker aus dem Iran, aber auch aus dem Westen, um Ostad Elahi spielen zu hören. Einhellig bezeugten sie die außerordentliche Wirkung seiner Musik und die einmalige Kombination von unvergleichlicher Technik und spiritueller Inspiration. Manche seiner Stücke waren so kompliziert, dass auch die Versuche von Ruhollah Khaleqi, dem Direktor des Staatlichen Konservatoriums, fehlschlugen, einige der Stücke im Notensystem niederzulegen.
In den letzten Jahren wurde die Musik von Ostad Elahi digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Grundlage dafür stellen Aufzeichnungen dar, die seine Kinder, oftmals ohne sein Wissen, gemacht haben.
Ostad Elahis Musik verfügt über eine einzigartige Struktur, die nicht in das Schema passt, das an Musikakademien gelehrt wird. Die Grundlagen der Musik von Ostad Elahi bauten auf einer Tradition auf, die mehrere tausend Jahre alt ist und die ihre Wurzeln in der antiken persischen Musik hat. Auf dem beschränkten, aber festen Fundament der Ahl-e-Haqq-Tradition in Verbindung mit Elementen aus der antiken persischen Musik errichtete er ein völlig neues musikalisches Bauwerk, so dass beim Zuhören nur mit großer Konzentration auszumachen ist, welche Spuren aus welcher Tradition darin aufscheinen. Es gibt keinen Zweifel, dass die Musik der Ahl-e Haqq, wäre sie in ihrem einfachen und rudimentären Stadium verblieben, dem beachtlichen Ansturm anderer musikalischer Stilrichtungen nicht gewachsen gewesen und infolgedessen wohl verloren gegangen wäre. Mag sein, dass Ostad Elahi aus Dankbarkeit heraus seine Musik auf diese Tradition aufbaute, oder dass er eine Authentizität und Tiefe in diesen einfachen grundlegenden Melodien fand, die das Potential in sich trugen, darauf ein solch solides und weitläufiges musikalisches Bauwerk zu errichten. Seine Erweiterungen sind derart umfassend, dass seine Kompositionen zuweilen völlig losgelöst zu sein scheinen von ihrem ursprünglichen Bezugssystem. Daher kann man weder sagen, dass die Musik von Ostad Elahi sich völlig von ihrem Ursprung entfernt hat noch, dass sie vollkommen darauf beruht. Es ist vielmehr so, dass er im Bereich der Musik, so wie in seiner neuartigen Konzeption von Spiritualität auch, die spirituelle Quintessenz der Musik und die Originalität ihrer machtvollen traditionellen Wurzeln extrahiert hat.
Ein wichtiger Punkt, der die Bewunderung von Musikwissenschaftlern hervorruft, sind Ostad Elahis Improvisationen auf der Tanbur, die seine Musik so unnachahmlich machen. Jede dieser Improvisationen ist wie ein neues Stück in einer noch unbekannten Sphäre. Aus diesem Grund lässt sich dieser Musikstil nur durch eine Art osmotischer Übertragung erlernen – eine Interpretation, die von Schahroch Elahi stammt, der der Sohn von Ostad Elahi und sein einziger musikalischer Erbe ist. Mit diesem Argument sind zugleich all jene Fachleute entlastet, die vergeblich versucht haben, seine Musik zu transkribieren.
Es ist wohl kaum nötig zu sagen, dass dieser kurze Abriss es nicht erlaubt, eine tiefere Analyse der technischen und spirituellen Dimension von Ostad Elahis Musik durchzuführen. Einen Aspekt aber gibt es, der möglicherweise doch betont werden sollte und dem bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Das sind die Präludien oder einleitenden Motive, die er zu Beginn jedes Stücks spielt. In der musikalischen Tradition von Ostad Elahi wird jedem Stück ein einleitendes Motiv vorangestellt. Diese Motive unterscheiden sich von Ausführung zu Ausführung und sind der spirituellen Atmosphäre bzw. der gegenwärtigen Stimmung angepasst; insofern sind sie weder in Form von Noten noch als Entwurf von vornherein festgelegt. Diese Präludien bringen im Wesentlichen den spirituellen Zustand und die aktuell vorherrschende Stimmung durch die Sprache der Musik zum Ausdruck. Jedes dieser Motive ist ein Mysterium, das vergleichbar ist mit den isoliert stehenden Buchstaben, die bestimmten Kapiteln in den Heiligen Schriften vorangestellt sind – als seien die Noten der subtile und verborgene Nachhall bestimmter innerer Zustände. Diese Präludien zu entschlüsseln, erfordert folglich ein gewisses musikalisches Grundverständnis von Seiten des Zuhörers.
Was nun die technischen Aspekte anbetrifft, wie Spielstärke, Handgeschwindigkeit, Konzentration usw., so manifestieren sich auch diese im Gesamtwerk von Ostad Elahi in einer außergewöhnlichen Form. Wie oft bei musikalischen Legenden, so gibt es auch über Ostad Elahi Geschichten und Anekdoten, die als Mythen angesehen werden können, wiewohl sie wahr sind – so schwer das für manch einen auch nachzuvollziehen sein mag. Einige dieser Berichte über seine Tanbur finden sich in Worte der Wahrheit und in Seele des Klangs. Durch diese beiden Werke erhält der Leser die Gelegenheit, diese Aspekte gedanklich weiter zu vertiefen.
Die neuartigen strukturellen Modifikationen, die Ostad Elahi an der Tanbur vornahm, fanden bei anderen Spielern Gefallen, so dass sie sie durchweg übernahmen. Ursprünglich hatte die Tanbur nur zwei Saiten. Die dritte Saite, die die Hauptsaite verdoppelt, ist eine der Innovationen von Ostad Elahi. Heute hat jede Tanbur drei Saiten, und möglicherweise wissen nur wenige, wie dem alten zweisaitigen Instrument die dritte Saite hinzugefügt wurde. Ostad Elahi hat darüber hinaus die für die Klangverteilung und Spieltechnik optimalen Dimensionen des Instruments bestimmt, sowie die genaue Positionierung der Bünde am Hals der Tanbur und weitere Charakteristika des Instruments.
Weitere Neuerungen betrafen die Einführung einer neuen Resonanzstimmung (bekannt als Farangi-Stimmung), bei der die gedoppelten Saiten in Bezug zur niedrigeren Saite in Sekundintervallen gestimmt werden. Daraus ergibt sich ein spezieller Effekt, der für den Spieler ganz neue Horizonte eröffnet. Weiters sollte das andere Instrument, das er erfand, die fünfsaitige Tanbur, nicht unerwähnt bleiben. Sie stellt eine Synthese aus der Tanbur und der persischen Setar dar und gibt dem Spieler die Möglichkeit an die Hand, jederzeit, wenn nötig, der kurdischen Musik die persischen Elemente hinzuzufügen. Unter den zehn CDs, die von Ostad Elahi bisher veröffentlicht sind, gibt es eine, die sich nur Musikstücken widmet, die auf dieser fünfsaitigen Tanbur gespielt werden.
Abgesehen von den künstlerischen und technischen Aspekten von Ostad Elahis Musik sind es die spirituellen Wirkungen, die in jüngerer Zeit Gegenstand von Forschungen wurden. Darunter sind auch Beobachtungen von Personen, die seine Musik aus erster Hand erlebt haben. Diese Forschungsergebnisse, die teilweise auf Untersuchungen vor Ort basieren, teilweise auf musikalischen Analysen, sind in dem Band Seele des Klangs von Professor Jean During zusammengestellt. Es ist zu hoffen, dass diese Art der Forschung die wahre Tiefe von Ostad Elahis Musik zutage bringen wird. |