Nur Ali Elahi, weithin bekannt als Ostad Elahi (1895-1974), war ein moderner Denker und Mystiker, ein herausragender Musiker und Erbe einer jahrhundertealten spirituellen Tradition. Parallel zu seiner richterlichen Laufbahn begründete er eine neue Herangehensweise an die Spiritualität, die mehr auf ihre Essenz abzielt als auf ihre äußere Form, und die er mit einer experimentellen Methodik verknüpfte, deren Ergebnis er als die „Quintessenz aller göttlichen Religionen“ bezeichnete.
Ostad Elahi zeichnet ein System auf, dass die Entwicklung der Seele auf ihrem „Weg zur Vollkommenheit“ beschreibt. Die Seele erwirbt innerhalb dieses Systems durch die Wechselwirkungen mit der materiellen Welt Bewusstsein und Erfahrung, wobei es ihr ermöglicht wird, den Grundstein für den Prozess ihrer Vervollkommnung hier in dieser Welt bzw. in ihrem Wesen zu legen. Dieser Prozess wird nach dem physischen Tod fortgesetzt und setzt voraus, dass die Seele viele Male in diese Welt zurückkehrt, um ihre endgültige Bestimmung (d.h. die Vollkommenheit) zu erfahren. Ostad Elahi zufolge ist Vollkommenheit die allmähliche Verwirklichung der menschlichen Potentiale, die jeder von uns in sich trägt – ein Ziel, das ohne Selbsterkenntnis unmöglich zu erlangen ist.
Die Vervollkommnung der Seele schließt den Erwerb von Tugenden ein, die sich konkret gesprochen dadurch ausbilden, dass die Seele die Wahrheit der göttlichen ethischen Prinzipien verinnerlicht. Das bedeutet für den Einzelnen, sowohl seine eigenen Rechte und die der Anderen zu erkennen und zu beachten als auch seinen entsprechenden Pflichten nachzukommen. Dies beruht auf zwei Hauptaufgaben (Kampf gegen das Herrschsüchtige Selbst und Dienst am Nächsten), die am treffendsten in der altbekannten göttlichen Vorschrift zusammengefasst werden können: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu.
Diese Herangehensweise an den Prozess der Vervollkommnung ist nur dann anwendbar, wenn der „Student auf dem Weg zur Vollkommenheit“ seine Aufmerksamkeit auf die Andere Welt und auf die Quelle lenkt, wenn er in der Intention göttlicher Zufriedenheit handelt und wenn er in allem, was er tut, mit der Quelle in Verbindung steht.
Für Ostad Elahi ist die Spiritualität in jedem Falle ein Verhalten, das mit Vernunft und Wissenschaft vereinbar ist; Versuch und Irrtum gehören seiner Ansicht nach ebenso dazu wie die internen Wechselwirkungen im Menschen, die die Reifung oder Vervollkommnung der Seele fördern. |