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  Einführung Chronologie Der klassische Mystiker Der Richter  
Haupttext Anekdoten

Die ersten Jahre

Ostad Elahi wuchs in einer besonderen, vollständig von Spiritualität durchdrungenen Atmosphäre auf. Das entlegene Dorf, in dem er zu dieser Zeit lebte, und das in den stillen Ebenen im Westen des Iran lag, beherbergte im Lauf des vorangegangenen Jahrhunderts hohe mystische Persönlichkeiten und war zu einem Zentrum der iranischen Mystik geworden. Seine Eltern, Hadschi Nemat und Sakinehchanom, hatten dem Brauch dieser Zeit entsprechend früh geheiratet und empfanden tiefe Zuneigung und Respekt füreinander. Hadschi Nemat genoss allgemein Respekt und Anerkennung, und war für seine Ehrlichkeit, seinen Mut und sein Wissen bekannt. Er war tiefgläubig, und er spielte die Tanbur, eine orientalische Laute, die der sakralen Musik vorbehalten war.

Als Ostad sechs Jahre alt war, durchlebte Hadschi Nemat eine umwälzende mystische Erfahrung, die ihn vollkommen verwandelte: er zog sich ganz von der Welt zurück, vertraute die Verwaltung seiner Ländereien einer anderen Person an und legte das weiße Gewand der Derwische an. Seine Ehefrau unterstützte ihn mit ganzen Kräften in seiner Berufung und entsagte ebenfalls jeglichen Formen weltlichen Lebens. Nach und nach breitete sich der Ruf des Mystikers Hadschi Nemat aus, und Tausende von Sympathisanten sammelten sich um ihn.

Auch der junge Ostad begann ein neues Leben, dessen Rhythmus von Gebet und spirituellen Versammlungen bestimmt war, und in dem die sakrale Musik eine zentrale Rolle spielte.

„Vom Alter von sechs Jahren an nahm ich an spirituellen Versammlungen teil. Sowie die ersten Töne erklangen, begann ich mich wie ein Kreisel um meine eigene Achse zu drehen. [Überwältigt von Ekstase] fuhr ich bis zum Ende der Versammlung fort. Dies konnte mitunter Stunden dauern, ohne dass ich auch nur im Geringsten ermüdete...“ (Worte der Wahrheit, Bd. 1, No 1855)

Lange Zeit war Ostad das einzige Kind in der Familie und wurde daher ‚Kutschek Ali’ (wortwörtlich ‚kleiner Ali’) genannt. Dennoch kannte er keine Langeweile: er beschäftigte sich mit Basteleien, erfand alle möglichen Arten von Spielen für drinnen und draußen, die seine Veranlagung widerspiegelten. So nahm er zum Beispiel Ziegenschwänze, gab jedem einzelnen den Namen eines Erzengels und ließ sie sich ganz ernst über theologische Themen austauschen. Vor allem spielte er leidenschaftlich die Tanbur, und so verbrachte er Stunden, manchmal ganze Nächte damit, sakrale Musik zu spielen. Diese wurde für ihn zu einer zweiten Sprache und zu einem wichtigen Bindeglied zum Göttlichen. Als man ihn später fragte, ob er nicht darunter gelitten habe, keine Spielkameraden zu haben, sagte er: „Nein, überhaupt nicht.“

Parallel dazu erhielt er eine solide klassische Erziehung, die aus dem Studium der Philosophie, der Mystik und der heiligen Texte bestand. Dieser Unterricht wurde zum Teil durch Hauslehrer vermittelt, zum Teil direkt in der Religionsschule, soweit dies möglich war (etwa zu der Zeit, als die Familie in eine etwas größere Stadt gezogen war). Aber die Person, die ihm am meisten beibrachte, und der er während seines gesamten Lebens die größte Ehrerbietung erwies, war zweifellos sein Vater. Als Mann Gottes wie als Literat, Dichter und Musiker war Hadschi Nemat ein hingebungsvoller Vater und ein Erzieher ohnegleichen, der seinen Sohn dazu brachte, die gesamte Fülle seiner Gaben zu entwickeln, ohne ihn jemals zu etwas zu zwingen. Das, was sich zwischen Vater und Sohn entspann, war mehr als kindliche Liebe, es war ein tiefes Einverständnis, das niemals nachlassen sollte.

„Er war nicht nur mein Vater und mein Führer, sondern wir waren durch ein besonderes spirituelles Band vereint.“ (Worte der Wahrheit, Bd. 2, No 15)

Als Ostad neun Jahre alt war, beschloss Hadschi Nemat, ihn an den regelmäßigen Übungen des Rückzugs, des Fastens und der Kontemplation teilhaben zu lassen. Ostad, sein Vater, seine Mutter und einige Derwische (so nannten sich die Schüler seines Vaters) richteten sich in einem Nebengebäude des Hauses ein, das der Abgeschiedenheit vorbehalten war und ‚Einsiedelei’ genannt wurde. Dort verbrachte das Kind, später dann der Heranwachsende den größten Teil seiner Zeit. Über einen Zeitraum von zwölf Jahren fastete er – in regelmäßigen Abständen von manchmal 10 bis 15 Tagen – jeweils 40 Tage lang. Während dieser kurzen Unterbrechungen unternahm er lange Ausritte oder begleitete seinen Vater bei Pilgerfahrten zu den Grabmälern der großen spirituellen Persönlichkeiten der Region. Über diesen Zeitabschnitt berichtet er später:

„Eine glücklichere Zeit als diese gab es nicht. Welche Atmosphäre! Wir waren ständig ins Gebet und in heilige Gesänge vertieft und hatten keine Ahnung, was sich außerhalb von uns in der Welt ereignete.“ (Worte der Wahrheit, Bd. 1, No 1798)


Der klassische Mystiker

Im Alter von zwanzig Jahren war Ostad ein vollendeter Gelehrter, ein spiritueller Führer und ein Musiker ohnegleichen. Nachdem er den Zyklus der Askese abgeschlossen hatte, begann er zu reisen. Da er in einem solch reinen Umfeld aufgewachsen war, war ihm nicht bewusst, wie er später gestand, dass es möglich sei, zu lügen, zu betrügen oder gegen die Moral zu handeln; diese Unschuld brachte ihn so manches Mal in Bedrängnis.

„Mein Leben spielte sich zur Gänze innerhalb dieser vier wohlvertrauten Mauern ab, und an mein Ohr waren nur Worte der Wahrheit gelangt. Ich hatte keinerlei Berührung mit der Gesellschaft. Ich konnte mir noch nicht einmal vorstellen, dass jemand lügen oder betrügen könnte, und ich dachte natürlich, dass die ganze Welt unserem Haus gleiche.“ (Worte der Wahrheit, o.A.)

Aufgrund seiner einflussreichen Persönlichkeit und des Respekts, den er in mystischen Kreisen genoss, knüpfte er zahlreiche Kontakte. Bald darauf begann er zu schreiben; seine ältesten Manuskripte stammen aus dieser Zeit:

„Ich bin jetzt 29 Jahre alt und am Ende der Etappe ‚Gott in Gott’ angekommen. Bis zu diesem Tage hat sich mein Denken nicht einen Augenblick vom Göttlichen abgewandt, und ich habe ständig in Seinem Licht und Seiner Liebe gelebt und in der Hoffnung Seiner Gnade.“ (Auszug aus dem Manuskript "Enthüllung der Wahrheiten")

Über einige Jahre behielt er den Lebensstil bei, den er aus seiner Jugend kannte, und der aus langen Fastenperioden, Pilgerfahrten, Besuchen bei mystischen Orden und religiösen Zentren in Kurdistan und im Irak bestand. Zu dieser Zeit trug er sein Kopfhaar lang, das entsprechend der Tradition seines Vaters seit dem sechsten Lebensjahr nicht geschnitten worden war.

„Das Foto, auf dem ich einen Turban trage, stammt aus der Zeit, als ich gerade 26 Jahre alt geworden war. Ich war versunken in ein engelhaftes Universum, in einem fortwährenden Zustand der Askese. Innerhalb von 24 Stunden nahm ich nichts zu mir außer einem schlichten Mahl bei Sonnenuntergang, zur Stunde des Fastenbrechens.“ (Worte der Wahrheit, Bd. 1, No 1894)

„Wenn ich die Fotos meiner Jugend betrachte, erfüllt mich ein besonderes Gefühl. Ich erinnere mich gut an den geistigen Zustand, in dem ich mich befand, und an das [spirituelle] Hochgefühl. Die Welt und alles, was zu ihr gehört, bedeuteten mir absolut nichts.“ (Worte der Wahrheit, Bd. 2, No 95)

Wohin er sich auch begab, sein Ruf folgte ihm bzw. eilte ihm voraus. Nicht nur, dass er der Sohn Hadschi Nemats war – auch die ihm eigene charismatische Ausstrahlung sprach für sich selbst. Wie es den Gepflogenheiten der damaligen Zeit entsprach, fügten die Derwische seinem Namen den Ehrentitel ‚König’ hinzu: Nur Ali Schah. Dem Brauch gemäß hätte er auch ohne weiteres von den Zuwendungen seiner Schüler leben können, doch er ließ es nicht zu, dass sich materielle Interessen mit spirituellen Angelegenheiten mischten. Im Übrigen hätten die Erträge aus seinem Grundbesitz ihm erlaubt, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, ohne dass er einen Beruf ausüben hätte müssen.

Auch wenn sein Weg vorgeschrieben schien, und er die Achtung, ja sogar Verehrung einer großen Zahl von Menschen genoss, und seine materielle Situation wie schon seinem Vater so auch ihm erlaubt hätte, sich von der Welt zurückzuziehen und sein Leben vollständig Gott zu widmen, kehrte er all dem den Rücken, um ein Leben in Gesellschaft zu wählen.


Der Entsagung entsagen

Im Jahr 1930 beschloss Ostad Elahi, eine Stelle im Kreisverwaltungsreferat anzunehmen, und im Anschluss daran eine Laufbahn als Richter einzuschlagen. In einem Akt von Entsagung, der große symbolische und emotionale Tragweite besaß, legte er die lange Haartracht der Derwische und sein langes weißes Gewand für immer ab und tauschte es gegen einen Anzug ein. Rein äußerlich betrachtet schien es, als würde er damit auf die Tatsache reagieren, dass die neuen Autoritäten zu dieser Zeit einflussreiche Persönlichkeiten kritisch beäugten, doch in Wahrheit war dieser Schritt das Ergebnis eines langen Reflexions- und Reifungsprozesses. Ostad Elahi fürchtete sich nicht im Geringsten vor den Schwierigkeiten und Gefahren des weltlichen Lebens, vielmehr erkannte er in dieser Wendung die Hand Gottes und die Gelegenheit, in der Gesellschaft eine neue Form der Spiritualität auf den Prüfstein zu stellen, deren Prinzipien Schritt für Schritt in ihm herangereift waren. Er war nicht bereit, sich mit einer Spiritualität zufrieden zu geben, die einer Elite vorbehalten war und fernab von den Menschen praktiziert wurde. Er ahnte, dass es seine Mission sein würde, eine reine Spiritualität zu bringen, so, wie er sie im Laufe von beinahe dreißig Jahren erlebt hatte, jedoch inmitten eines Umfelds, das den genauen Gegensatz zu dem althergebrachten bildete. Es war ebendiese Welt, in der er von da an die Suche fortsetzen musste – eine Suche, deren Grundlagen durch seinen Vater gelegt worden waren.

Als er seine Karriere als Richter begann, hatte er sich so weit von den äußeren Zeichen befreit, die Aufschluss über seinen spirituellen Rang und seine spirituelle Stellung gaben, dass er allerorten – bis auf die vielen Menschen an seinem Geburtsort, die ihm eine uneingeschränkte Liebe und Verehrung entgegenbrachten – zuvorderst als ein integrer Richter betrachtet wurde, ein ehrbarer Familienvater, ein Schriftsteller, Musiker und liebevoller Freund. In Wirklichkeit verhüllte er seine spirituelle Dimension umso mehr, je mehr er sein inneres Wesen vervollkommnete, und so konnten nur wenige Personen dieser Zeit ihn als das erkennen, was er war.

In jeder einzelnen Handlung seines Alltagslebens verbesserte und vertiefte Ostad Elahi seine spirituellen Verhaltensrichtlinien. Indem er seine spezielle Form der Mystik mit der Welt konfrontierte, konnte er eine praktische Philosophie mit universaler Ausrichtung schaffen. Parallel dazu setzte er seine Studien der Theologie und der Philosophie, der Erkenntnis und der Mystik fort; in Teheran, wo er von 1953 bis 1955 beschäftigt war, nahm er tagtäglich an Zusammenkünften und theologischen Diskussionen des theologischen Seminars (Marvi Medersa) teil. Daneben widmete er sich weiter seinen Forschungen und machte sich kontinuierlich Aufzeichnungen, die die Grundlage für spätere Veröffentlichungen bilden sollten.


Die Vollendung

Als Ostad Elahi im Jahr 1957 in den Ruhestand ging, ließ er sich endgültig in Teheran nieder. Das eröffnete einigen wenigen Personen die Gelegenheit, ihn nach und nach zu erkennen. Von da an widmete er sich seinen Schriften, der Lehre und der sakralen Musik. Sein Ruf als Gelehrter und unvergleichlicher Musiker breitete sich auch über die Landesgrenzen aus – obwohl er selbst dies nie angestrebt hatte –, und die Menschen kamen aus allen Teilen der Welt, um ihn zu sehen.

Als er diese Welt verließ, hatte er ein sehr hohes spirituelles Niveau erreicht. Nicht eine Minute seines Lebens war vergangen, ohne dass er seine Zeit auf die ein oder andere Weise der inneren Alchimie gewidmet hatte. So war es ihm gelungen, die göttliche Nähe zu erlangen und sich mit Gott zu vereinen.

„Es gibt nichts in dieser Welt, woran mein Herz hängt, und ich bin bereit, Gottes Ruf zu folgen.“

Mehrere tausend Menschen wohnten seiner Beerdigung bei. Sein Grab ist heute eine internationale Pilgerstätte.

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