Zum Gedankengut
Zum Gedankengut
Zum GedankengutZur Person
Zum GedankengutZum Werk
Zum GedankengutZum Gedankengut
Zum Gedankengut
Zum GedankengutZum Gedankengut
Zum GedankengutFotogalerie
Zum Gedankengut
Zum Gedankengut
Zum Gedankengut   Home
Site MapSucheKontakt

   
Interview mit Bahram Elahi Über das Gedankengut von Ostad Elahi Natürliche Spiritualität

Über das Gedankengut von Ostad Elahi

Das vorliegende Manuskript beruht auf einem Vortrag von James Morris, Professor der Religionsgeschichte , zum Symposion „Das Spirituelle: Pluralität und Einheit“ und wurde begleitend in den Cahiers d’anthropologie religieuse n°5, Presses de l’Université de Paris-Sorbonne, Paris 1996, veröffentlicht.

Da die spirituellen Lehren von Ostad Elahi untrennbar mit seinem persönlichen Lebensweg verbunden sind, sollten wir uns vorab einige biografische Eckpunkte in Erinnerung rufen, um den Kontext seiner Lehren und seiner persönlichen Erfahrungen, mit denen er an vielen Stellen seine Ideen zum Ausdruck bringt, besser zu verstehen.

Der Lebensweg von Ostad Elahi lässt sich grob in drei unterschiedliche Phasen aufteilen. Die ersten 25 Jahre seines Lebens führte er unter der behutsamen Führung seines Vaters ein asketisches, zurückgezogenes Leben, das von strenger spiritueller Disziplin geprägt war, ein Leben, das vollständig den verschiedenen Formen der Kontemplation sowie den klassischen religiösen Studien, die sich über Jahrhunderte in der mystischen Tradition dieses Gebiets herausgebildet hatten, gewidmet war. Zehn Jahre nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1920 ließ Ostad Elahi sein traditionelles, kontemplatives Leben hinter sich, um eine weitaus aktivere Laufbahn als Staatsanwalt und Richter einzuschlagen – eine radikale Veränderung, die seinen Erfahrungshorizont erweitern und seine ethischen und religiösen Prinzipien in der Konfrontation mit den Herausforderungen eines Lebens in Beruf und Gesellschaft auf die Probe stellen sollte. Wie er selbst später beschreibt:

„Gott veranlasste mich, in die öffentliche Verwaltung einzutreten und eine Tätigkeit in der Regierung auszuüben, obwohl ich innerlich eine große Abneigung dagegen hatte. Er zwang mich, Richter zu werden und übertrug mir schwierige gerichtliche Verfahren. Später aber erkannte ich, dass in jedem dieser Ämter Tausende von Weisheiten verborgen waren – nicht einmal eine ganze Riege von Philosophen und Weisen hätte solche Pläne entwerfen können…“

Daher veröffentlichte Ostad Elahi erst nach seinem Rückzug aus der öffentlichen Verwaltung im Jahre 1957 seine schriftlichen Arbeiten (bis zu seinem Tod 1974). In dieser Zeit verstärkte er auch seine Aktivitäten als spiritueller Lehrer; regelmäßig traf er in seinem Heim in Teheran Studenten aus den verschiedensten Lebenskontexten und von unterschiedlichem religiösem oder kulturellem Hintergrund. Der Fokus dieses Vortrags richtet sich auf seine persönlichen, mündlichen Unterweisungen, die er in diesen Versammlungen gab, denn diese sind von universalem Charakter und durch ihre Ausdrucksform leichter zugänglich als andere Quellen.

Ostad Elahis mündliche Lehren liegen uns in Form von Erörterungen und Diskussionen vor, an denen Menschen jedweder Altersklasse und unterschiedlichen gesellschaftlichen Hintergrunds teilnahmen, die bei ihm in seinen späteren Lebensjahren Führung suchten. Diese Lehren wurden von einigen Personen aus seinem nächsten Umfeld sorgfältig aufgezeichnet und transkribiert und anschließend in zwei umfangreichen persischsprachigen Bänden veröffentlicht. Diesen beiden Bänden entstammen alle Passagen, die ich in diesem Vortrag zitiere. Die Tatsache, dass es sich dabei ursprünglich um mündliche Unterweisungen handelt, bedeutet keineswegs, dass sie im Vergleich zu den philosophischen und theologischen Texten, die Ostad Elahi mit eigener Hand verfasst hat, in irgendeiner Weise ‚minderwertig’ oder unsystematisch sind. Vielmehr werden all jene unter ihnen, die mit anderen mystischen Traditionen vertraut sind, wissen, dass gerade diese offene, weniger symbolträchtige Art der Übermittlung der spirituellen Lehren für gewöhnlich nur einem engen Kreis an vertrauten Schülern vorbehalten ist. Ostad Elahi deutete selbst wiederholt darauf hin, dass er sich der nachhaltigen Bedeutung seiner gesprochenen Worte sehr wohl bewusst war, und dass es durchaus in seiner Absicht war, dass diese aufgenommen und in Zukunft in größerem Ausmaß weitergegeben würden.

Bevor wir nun im Folgenden einige der Schlüsselprinzipien von Ostad Elahis Unterweisungen näher beleuchten, ist es sinnvoll, ein paar wesentliche Eigenschaften hinsichtlich Form und Ausdrucksweise dieser Lehren näher zu erläutern. Dies kann uns dazu verhelfen, eine bessere Vorstellung von der besonderen Ausstrahlung und Humanität von Ostads Persönlichkeit zu erhalten. Ferner enthalten diese Zitate wichtige praktische Lektionen für die Aufgaben, die wir im Bereich des spirituellen Lernens und der spirituellen Verständigung zu bewältigen haben.

Als erstes ist anzumerken, dass Ostad Elahis Lehren üblicherweise direkt mit seinen persönlichen Lebenserfahrungen und der ‚Überprüfung seiner Prinzipien’ verknüpft sind, was oftmals in autobiografischen Erzählungen seinen Ausdruck findet. So sagte er einmal:

„Wenn ich Ihnen all diese Dinge erzähle, so tue ich das nicht, um sie mit Geschichten zu unterhalten, sondern um spirituelle Weisheiten weiterzugeben. Solange ich etwas nicht selbst praktisch umgesetzt habe, kann ich es anderen nicht empfehlen. Es kommt nichts aus meinem Munde, das ich nicht vorher erschöpfend untersucht habe. Ich habe niemanden imitiert: meine Ideen sind das Ergebnis meiner eigenen Entdeckungen und meiner eigenen persönlichen Erfahrungen. Ich habe die Essenz der Grundlagen aller wahren Religionen in einigen wenigen Worten zusammengefasst, die ich für die spirituell Reisenden hinterlassen habe. Während meines gesamten Lebens habe ich mich nie geschämt zu sagen, dass ich etwas nicht weiß, und ich habe stets versucht, ehrlich und genau zu sein in dem, was ich sage.“

Oder, als allgemeines Prinzip formuliert:

„Worte, die auf persönlicher Beobachtung und lebendiger Erfahrung beruhen, haben eine direkte spirituelle Wirkung.“

Es ist möglich, und dies ist mein zweiter Punkt, dass die Form seiner Unterweisungen sehr ‚simpel’ erscheinen mag – etwa, wenn er einen Traum erzählt oder über eine ‚weltliche’ persönliche Erfahrung berichtet. Darin spiegelt sich jedoch die von Ostad Elahi wiederholt betonte Tatsache wider, dass der Prozess des spirituellen Lehrens und Lernens für jeden von uns unweigerlich bedeutet, die tiefere Bedeutung und die Herausforderungen der spirituellen ‚Lektionen’ des Alltags zu erforschen:

„Die meisten Lektionen über die dem Universum zugrundeliegende Ordnung habe ich im Alltag gelernt. In dem Moment, in dem wir begreifen, wie wir aus dieser Welt Lektionen ziehen können – und wenn es aus dem Flug einer Mücke ist –, wird sie zu einem Ort der spirituellen Erbauung.“ 

Tatsächlich ist die tiefere Realität, die in diesen auf den ersten Blick einfach erscheindenen Geschichten steckt, oftmals unerschöpflich groß, und diese Realität wird auf allen Ebenen spiritueller Verwirklichung auf jeweils neue Weise verstanden und erfasst:

„Die Enthüllungen der spirituellen Welt sind wie eine Frucht, die man öffnet und in der man zehn Samenkörner entdeckt; im Inneren dieser Samen befinden sich wiederum zehn Samenkörner, und in diesen wiederum zehn und so weiter, bis ins Unendliche…“

Diese Sichtweise, die darauf gerichtet ist, die spirituellen Lektionen in allen Aspekten unseres Lebens wahrzunehmen, impliziert, dass jeder die für ihn bestimmte ‚Wahrheit’ nur durch seine eigene spirituelle Praxis verstehen und verwirklichen kann – und nicht durch Ausarbeitung einer speziellen ‚Theorie’ oder eines Glaubenssystems:

„Das, was Sie in die Praxis umgesetzt haben und was Ihr Herz und Ihren Glauben beeinflusst hat, das wird eine Wirkung haben, wann und wem gegenüber auch immer Sie es erwähnen; es ist nicht eine Frage der Redefertigkeit. Nur das, woran Sie glauben und was sie selbst in die Tat umsetzen, wird eine Wirkung haben… Wer die Dinge in die Tat umsetzt, der braucht nicht einmal etwas zu sagen: Seine Handlungen und sein Verhalten werden automatisch eine Wirkung haben.“

Nachdem ich diese grundlegenden Aspekte von Ostad Elahis Leben umrissen habe, würde ich nun gerne mit Ihnen ein paar persönliche Beobachtungen teilen, die die einzigartige Verbindung zwischen seinen religiösen Vorstellungen betreffen und den besonderen Herausforderungen unserer heutigen Zeit, einer Zeit, in der Menschen aus unterschiedlichsten religiösen Hintergründen aufeinandertreffen. Kurzum, es scheint so, als würden die besonderen Merkmale von Ostad Elahis Lehre über das Wesen der Religion – also seine Betonung von Universalität, Toleranz, Einheit, Menschenrechten und Verantwortlichkeit – allesamt geradezu zugeschnitten sein auf die einzigartige Situation, in der wir uns heute befinden.

Diese weltweite Transformation spiegelt sich in Ostad Elahis Biografie sehr klar wider. Ostad Elahi ist ein traditionelles ländliches Umfeld hineingeboren worden, das er in den Erinnerungen an seinen Vater und seine Kindheit sehr lebendig beschreibt. Zu dieser Zeit verließen die Menschen selten ihr Dorf, und so war ihr religiöses Leben fast vollständig von den örtlichen Bräuchen geprägt. Die religiösen Repräsentanten übermittelten Glaubensüberzeugungen und Verhaltensregeln, die sich im Lauf der Jahrhunderte nur langsam veränderten. Ein der Spiritualität geweihtes Leben zu führen und sich dem Trubel der Welt zu entziehen, war nur einigen Mystikern und deren Schülern vorbehalten.

In den späteren Lebensjahren von Ostad Elahi durchliefen diese jahrhundertelang tradierte Lebensweise und religiöse Praxis tiefgreifende Veränderungen, sogar in den entlegenen Regionen Kurdistans. Fortschritte in der Technologie, der Kommunikation sowie im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben schufen ein ‚globales Dorf’, in der Glaubensüberzeugungen und religiöse Praktiken nicht mehr als unreflektierte Gewissheiten angesehen oder einfach abgetan werden können. Diese Bedingungen machen mehr denn je deutlich, dass unsere spirituelle Natur und unsere endgültige Bestimmung, wie sie allen Menschen gemein ist, in keinem Bereich unseres Zusammenlebens außer Acht gelassen werden kann, ohne dass wir unsere eigene Selbstzerstörung riskieren.

Schon zu der Zeit, da Ostad Elahi lebte, aber auch heutzutage versuchen Menschen aller Religionen und Kulturen auf zweierlei Weise auf diese drastisch neue Situation zu reagieren. So werden entweder alle früheren religiösen Traditionen kategorisch abgelehnt, um eine neue Welt zu errichten, die auf einer ‚rein menschlichen’ Moral fußt, oder es werden – aus Flucht vor diesen neuen Herausforderungen – künstlich abgeschottete religiöse Gemeinschaften errichtet, die nur ihren Mitgliedern vorbehalten sind und die beruhigenden Gewissheiten der religiösen Traditionen der Vormoderne imitieren. Um zu ermessen, wie schwerwiegend die Konsequenzen dieser beiden Optionen sind, genügt es, die Zeitung aufzuschlagen oder die Abendnachrichten einzuschalten…

Angesichts dieser globalen Veränderungen und der damit verbundenen Herausforderungen schlägt Ostad Elahi einen völlig neuen Weg vor. Dieser Weg basiert auf einem umfassenden Verständnis unserer neuartigen religiösen Situation sowie unseres mannigfaltigen religiösen Erbes – eines Erbes, das die universale spirituelle Essenz der Religionen anerkennt und gleichzeitig akzeptiert, dass es in praktischer und ethischer Hinsicht notwendigerweise Unterschiede gibt. In Ostad Elahis Antworten auf die Fragen, die ihm Menschen unterschiedlichster religiöser und nationaler Herkunft stellten, zeichnet er Schritt für Schritt eine ‚globale Vision des spirituellen Erbes der Menschheit’. Wenn er auf Fragen von Zuhörern hin diese globale Vision erläutert, so betont er stets als erstes den Unterschied zwischen der ‚esoterischen’ Dimension, das heißt, die spirituelle Essenz und das spirituelle Ziel, wie sie allen Offenbarungsreligionen gemein sind, und der ‚exoterischen’, rituellen Dimension, die nur unser materielles und soziales Leben betrifft. So sagt er zum Beispiel:

„Die authentischen göttlichen Prinzipien [die unser gemeinsames Ziel sind], sind in allen Religionen gleich; der Unterschied zeigt sich lediglich in sozialen Aspekten. Jene Vorschriften aber, die sich auf die Reinigung der Seele und die ethische Vervollkommnung beziehen, sind in allen Religionen identisch.“

Auf die hier von Ostad Elahi angesprochene Tatsache, dass alle Offenbarungsreligionen ein einheitliches spirituelles und ethisches Ziel haben, werde ich später noch zurückkommen. Denn darin liegt der Schlüssel zur Einzigartigkeit und Universalität seines gesamten Ansatzes. Doch zunächst sollten wir uns die Zeit nehmen, auf einige praktische und konkrete Implikationen einzugehen, die sich auf unser Leben in Gesellschaft beziehen.

Die erste und deutlichste Implikation ist die Forderung nach Toleranz und gegenseitigem Verständnis in allen Bereichen unseres Lebens. Ohne diese unumgängliche Toleranz und die damit verbundene Vielfalt an religiösen Ansätzen und Perspektiven würde niemand seinem eigenen spirituellen Weg frei folgen können, geschweige denn, die Authentizität seiner eigenen Erfahrungen vollständig beurteilen können. Eine wichtige Voraussetzung für echte Toleranz und gegenseitiges Verständnis ist Ostad Elahi zufolge die tatsächliche Umsetzung der Prinzipien, an die man glaubt:

„Die Vorbedingung für das religiöse Leben des Menschen ist, dass er, erstens, alle Religionen gleichermaßen respektiert und keine geringschätzt (weder die eigene noch die der anderen); zweitens, welche Religion er auch wählt, er sollte ihre Prinzipien in die Tat umsetzen, und nicht nur Worte wiederholen. Denn das, woran Gott gelegen ist, sind unsere Herzen und unsere Taten.“

Die zweite Implikation, die angesichts der sozialen Bräuche, die in seinem kulturellen Umfeld herrschen, überrascht, betrifft den von ihm wiederholt betonten Grundsatz der Gleichheit von Mann und Frau:

„Die Frau ist in jeder Hinsicht dem Manne gleichgestellt,… und es gibt zahlreiche Frauen, die spirituell einen höheren Rang einnehmen als einige der Propheten.“

Für Ostad Elahi handelt es sich hierbei nicht nur um ein abstraktes Ideal, sondern um ein weitreichendes spirituelles Prinzip, das er selbst stets zur Anwendung brachte, wie es in vielen seiner Aussagen zum Ausdruck kommt:

„[Meiner Familie und meinen Freunden habe ich empfohlen], keinen Unterschied zwischen ihren Söhnen und Töchtern zu machen und ihr Erbe gerecht zwischen ihnen zu verteilen.“

In Ostad Elahis Lehren begegnen wir häufig Prinzipien, die uns zunächst sehr konkret und praktisch erscheinen, mit denen wir dann aber die Erfahrung machen, dass sie uns – vorausgesetzt, wir setzen das betreffende Prinzip in die Praxis um – zu tieferen spirituellen Wahrheiten führen. Wenn Ostad Elahi beispielsweise betont, wie wichtig religiöse Toleranz und das Gleichheitsprinzip seien, so deshalb, weil diese uns zum höchsten spirituellen Ziel, dass allen religiösen Traditionen gemein ist, führen werden: zu Mitgefühl und universaler Liebe. Daher antwortet Ostad Elahi auf die naive Frage „Was ist Mystik (oder wahre spirituelle Erkenntnis)?“ wie folgt:

„Wenn man jeden Menschen als Mystiker erachtet, hat man die Bedeutung der Mystik verstanden. Sobald man alle Propheten und Heiligen als authentisch ansieht und keine Unterschiede mehr zwischen den Religionen macht, hat man die Stufe der spirituellen Erkenntnis erreicht.“

Oder noch einfacher:

„Die Religion der Wahrheit ist eins… und alle Religionen haben dasselbe gesagt: Was du für dich möchtest, das sollst du für die anderen wünschen bzw. tun, und was du nicht für dich möchtest, das sollst du auch für die anderen nicht wünschen. Dies ist das Grundprinzip der Religion.“

Die dritte Implikation betrifft genau diesen letzten Punkt der universalen Liebe und des Respekts für alle Geschöpfe. So betont Ostad Elahi ganz besonders die praktische und spirituelle Notwendigkeit, dass sich jeder Mensch im sozialen Zusammenleben ethisch engagiert. Wir werden im Späteren noch darauf zurückkommen, warum Ostad Elahi diesem Prinzip, das sich bereits in seinen frühen Lebensjahren abzeichnet – als er sein kontemplatives Leben zugunsten einer anspruchsvollen beruflichen Laufbahn als Richter aufgibt –, so große Bedeutung zumisst.

Die vierte praktische und weitreichende Implikation ist schließlich die umfassende und unübertragbare individuelle Verantwortung, die wir in allen Lebensbereichen übernehmen müssen. Dieser letzte Punkt mag auch als Entgegnung auf die Frage dienen, die Ostad Elahi des Öfteren von jenen gestellt wurde, denen die umfassende Tragweite seines Gedankenguts bewusst geworden war: Warum hat er sich nicht dafür eingesetzt, seine Lehren öffentlich zu verbreiten, Anhänger zu gewinnen, für seine Ideen zu werben usw.? Eine mögliche Antwort liegt in der Aussage Ostad Elahis, dass jeder Mensch die Pflicht habe, sich selbst auf die Suche nach der Wahrheit zu begeben; niemand könne sich dieser Verantwortung entziehen oder sie auf jemand anderen übertragen.

All die erwähnten Punkte sind Ausfluss eines höheren metaphysischen Prinzips, das er folgendermaßen formuliert: „Die Wahrheit braucht keine Argumente und Beweise; sie ist sich selbst Beweis genug.“ Wollte man das Gedankengut von Ostad Elahi in wenigen Worten beschreiben, so könnte man sagen, dass es um die Seele und um ihre Suche nach der Wahrheit’ geht. Diese Suche lässt sich in drei wesentlichen Punkten zusammenfassen:

 „Für jeden Menschen besteht die Wahrheit darin, zu wissen, wer er ist, woher er kommt, was er zu tun hat und wohin er gehen sollte… Sowie diese Suche zur Maxime seines Handelns geworden ist, er sie in die Praxis umgesetzt und die entsprechenden Antworten gefunden hat, erhält er Zugang zur Wahrheit.“

Während die Antworten auf diese metaphysischen Aussagen bis ins Unendliche weiterentwickelt werden könnten, ist es charakteristisch für den praktischen Fokus seiner Lehren, dass er das, was wir in dieser Welt und diesem Leben tun sollen, ins Zentrum seiner Betrachtungen stellt:

„Wenn ein Mensch durch Glauben und innere Gewissheit diese drei Prinzipien verinnerlicht hat, so ist das genug: Es gibt einen einzigen Gott; die Seele lebt nach dem Tod weiter; wir werden in der Anderen Welt Rechenschaft ablegen.“

Ostad Elahi erinnert uns unaufhörlich daran, dass das menschliche Dasein, wenngleich es seine eigenen spirituellen Herausforderungen und Verantwortlichkeiten mit sich bringt, notwendigerweise Teil eines umfassenderen Prozesses der Vervollkommnung ist, der die gesamte Schöpfung einschließt:

„Die Vervollkommnung, die sich vom Mineral- zum Pflanzenreich, vom Pflanzen- zum Tierreich, und vom Tierreich zum Menschen erstreckt, folgt einer naturgegebenen und determinierten Bewegung. Mineralien, Pflanzen und Tiere besitzen kein Unterscheidungsvermögen und ihre Entwicklung vollzieht sich auf natürliche und automatische Weise. Da der Mensch eine Himmlische Seele besitzt, gehorcht seine Vervollkommnung anderen Regeln. Da ihm Vernunft und freier Wille verliehen wurden, kann er die Vollkommenheit nur durch eigene Bemühungen erlangen.“

Für Ostad Elahi ist die menschliche Seele (‚Selbst’), wenn sie im Körper inkarniert ist, die einzigartige Vereinigung zweier völlig unterschiedlicher Dimensionen: so gibt es zum einen die individuelle ‚Himmlische Seele’, die unsterblich ist, die dem ‚Göttlichen Odem’ entstammt und die ständig mit Gott verbunden ist – selbst dann, wenn wir uns dieser inneren Verbindung nicht bewusst sind. Daneben gibt es die animalische, ‚Irdische Seele’, die sterblich und von bascharischer Natur ist (nach dem arabischen Wort baschar, das menschliche Tier). Sie entsteht aus der einzigartigen und individuellen Kombination vormals tierischer, pflanzlicher und mineralischer Seelen, die aufgrund ebendieses Prinzips der Vervollkommnung zu einem Körper zusammengefügt wurden. Für Ostad Elahi ist das Zusammentreffen und die Verbindung dieser beiden Dimensionen unserer Seele und unseres Ich im Körper nicht eine Art Falle oder Gefängnis, dem man zu entkommen suchen sollte. Ganz im Gegenteil, es ist gerade dieses komplexe Zusammenspiel, das für die Himmlische Seele eine einzigartige irdische Situation schafft, durch die sie lernen und ihr spirituelles Potential entfalten kann. Er fasst zusammen:

„Mineralische, pflanzliche, tierische und bascharische Seelen sind allesamt materiell; nur die Himmlische Seele gehört zu den nicht-körperlichen, unsterblichen Wesen. Wenn ein Mensch stirbt, trägt die Himmlische Seele die Prägung, die sie durch diese vier [materiellen] Seelen erfahren hat, dauerhaft in sich weiter.“

Ostad Elahi betont in diesem Zusammenhang, dass der Weg, der uns zur wahren Erkenntnis unserer spirituellen Natur und unserer Verbindung mit Gott (und letztlich zu den spirituellen Welten und dem Reich der Vollkommenheit) führt, damit beginnt, ein echtes Bewusstsein unserer Seele, d.h. unseres Selbst, anzustreben und zu entwickeln. Oder in anderen Worten:

„Das Wesen, das ist die Seele. Der Körper ist nur das Instrument des Wesens und nicht das Wesen an sich. Wer die letzte Stufe der Vollkommenheit erlangt, erhält Zugang zum Ozean der Einheit – dennoch behält jedes Teilchen seine Identität bei.“

Wohlgemerkt, diese Prinzipien aufzustellen, ist eine Sache, sie in die Praxis umzusetzen – wie jeder weiß –, eine andere! Bevor ich weitere Aussagen Ostad Elahis zitiere, die den Weg  der spirituellen Vervollkommnung schrittweise darlegen, sollte ich auf einen scheinbaren Widerspruch eingehen, der sich hier auftut: Wenn Ostad Elahi den metaphysischen Begriff des ‚wahren Selbst’ verwendet, dann impliziert dies eine ‚kontemplative’ Herangehensweise. In seinen praktischen ethischen und religiösen Unterweisungen bricht er jedoch mit dem Ideal eines kontemplativen, zurückgezogenen Lebens. Warum also legt Ostad Elahi gesonderte Betonung auf die Tatsache, dass ein aktives soziales und verantwortliches Leben in dieser Welt für den Prozess der Selbsterkenntnis unentbehrlich ist? Die Antwort liegt in einem kurzen und einfachen Zitat:

„Jeder Mensch sieht die äußere Welt durch das Prisma seines eigenen Herzens. Was wir um uns herum wahrnehmen, spiegelt lediglich das wider, was in unserem Herzen ist.“

Mit anderen Worten haben wir keine andere Wahl, als uns selbst kennenzulernen und durch die Konflikte und Schwierigkeiten, denen wir in dieser Welt ausgesetzt sind‚ ‚den Spiegel unseres Herzens zu polieren’. So sagt er an anderer Stelle:

„Gott ist nicht getrennt von uns, aber wir können ihn erst erkennen, wenn wir unser Herz so poliert haben, dass es einem Spiegel gleicht… Sowie wir folglich unsere Pflichten erkennen, erkennen wir Gott.“

Die praktische Bedeutung dieser Reise, auf der wir versuchen, richtig zu handeln und unsere Aufmerksamkeit auf Gott zu richten, wird in einem anderen Zitat wie folgt zusammengefasst:

„Wenn es uns gelingt, uns selbst zu ergründen, lichten sich die Schleier und alles liegt hell und klar vor uns… Um eine solche Verbindung herzustellen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit stets auf Gott gerichtet haben, so dass wir ganz von selbst das tun, was gut ist, und alles meiden, was schlecht ist. Die praktische Umsetzung dieser beiden Prinzipien ist der Schlüssel zu all jenen spirituellen Entdeckungen und Eingebungen, die nach und nach auftauchen, um uns schließlich zu führen.“

Es ist unmöglich, eine Reise zu unternehmen, ohne zumindest ansatzweise das Ziel zu kennen. Das folgende Zitat fasst sehr gut den Zusammenhang zwischen unserem spirituellen Ziel und den vielfältigen praktischen und konkreten Aspekten unserer ethischen und spirituellen Existenz zusammen, die wir aktiv und willentlich auf dieser spirituellen Reise leisten müssen:

„Je besser es dem Menschen gelingt, den Wünschen und Leidenschaften seiner Irdischen Seele zu entsagen und sich den Stufen und Empfindungen eines im eigentlichen Sinne des Wortes wahren, würdevollen Menschen anzunähern, desto vollkommener wird er [...] Ein ‚vollkommener’ Mensch ist jemand, der anderen wünscht, was er für sich selbst möchte, und der anderen nichts wünscht, was er nicht auch für sich selbst möchte. Das ist leicht gesagt, ist aber ungleich schwieriger in die Tat umzusetzen. [...] Er muss sich 24 Stunden rund um die Uhr überwachen und sein eigener Richter sein.“

Daneben gibt es noch einige weitere, womöglich sogar noch treffendere Zitate, in denen Ostad Elahi dieses spirituelle Ziel auf ebenso praktische und greifbare Weise formuliert (wenngleich auch diese nicht gerade leicht umzusetzen sind):

 „Wer sich am Glück anderer erfreuen kann, und aufrichtig ihr Leid mit ihnen teilt, der ist ein Mensch, der seines Namens würdig ist.“

„Der Schlussstein des Lebens im Diesseits ist, das Recht des anderen zu respektieren.“

„Der spirituell Reisende muss stets das Gleichgewicht zwischen diesen vier Säulen bewahren: Seele, Körper, Familie und Gesellschaft.“

Wir müssen uns darüber klar sein, dass es sehr schwierig ist, an diesem Ziel zu arbeiten, und dass die Gefahr besteht, dass wir Frustrationen und Enttäuschungen erleiden. Bevor wir uns nun den zentralen praktischen Vorschriften widmen, die Ostad Elahi für den spirituell Suchenden aufgestellt hat, ist es folglich nützlich, sich zunächst in Erinnerung zu rufen, was er über die Bedeutung des Glaubens, des spirituellen Selbstvertrauens und der Selbstmeisterung gesagt hat:

„Alle Welt durchläuft Höhen und Tiefen. Der Mensch muss versuchen, Selbstmeisterung zu erlangen. Sobald man Meister seiner inneren Zustände ist, wird alles einfach. Wir dürfen  unser Schicksal nicht ‚erdulden’, sondern müssen es im Gegenteil in unsere Hände nehmen; dabei sollten wir angesichts unserer Verbindung zu Gott und Seiner wohlwollenden Vorsehung so zuversichtlich und innerlich frei von allen Dingen sein, dass uns die Fügungen des Schicksals nichts anhaben können. Der Mensch darf nicht zulassen, dass Unannehmlichkeiten und Ärgernisse ihn beherrschen.“

In seinen praktischen Unterweisungen versuchte Ostad Elahi stets, seinen Studenten die Kernelemente der Spiritualität nahezubringen, damit sie sich der inneren Verbindung zwischen ihrer spirituellen Praxis und ihrem letztendlichen Ziel, das heißt der Reinigung und Vervollkommnung der Seele, bewusst werden. Das folgende Zitat fasst treffend zusammen, was uns die Religionen in Bezug auf die spirituelle Praxis lehren:

„Die Prinzipien der Religionen gründen allesamt auf vier unumstößlichen Säulen: Selbstmeisterung, karitative Taten, Gebet, reine Intention und Aufrichtigkeit gegenüber Gott.“

„Das Grundprinzip des Gebets liegt darin, die Aufmerksamkeit auf die göttliche Quelle zu richten, und nicht in der bloßen Wiedergabe von Worten. Reine Intention und Aufrichtigkeit gegenüber Gott bedeutet konkret gesprochen, das, was man an Gutem für sich selbst möchte, für die gesamte Schöpfung zu wünschen, und was man nicht für sich selbst möchte, auch nicht für andere zu wünschen.“

„Wer diesen vier [oben beschriebenen] Prinzipien wirklich folgt, der wird gereinigt, lässt das Stadium der Animalität hinter sich und wird zu einem wahren Menschen. Sobald eine Person zu einem ‚wahren Menschen’ wird, tendiert sie auf natürliche Weise dazu, gut zu handeln.“

Ein Leben inmitten der Gesellschaft ist Ostad Elahi zufolge die wirkungsvollste und fruchtbarste ‚Schule’, um die Seele zu reinigen und ihre innere Wirklichkeit zu entdecken.

In einer seiner autobiografischen Erzählungen schreibt Ostad Elahi hierzu: „Eines Nachts erfasste mich ein spirituelles Hochgefühl, und ich beschloss, mich zurückzuziehen, mich zu sammeln und die Nacht im Gebet und in Kontemplation zu verbringen.“ Dann beschreibt er in humorvoller Weise, wie er vom Lärm der Nachbarn gestört wurde und infolgedessen auf die Terrasse seines Hauses steigen musste, und wie er dann aufgrund einer Reihe von Ereignissen gezwungen war, auf die Straße hinunterzugehen, und sich auf den Weg zu einem entfernten Mausoleum zu machen, ohne dass es ihm gelang, einen abgeschiedenen Ort zu finden, der sich zur inneren Sammlung eignete. Schließlich erklärt er:

„Kurzum, an jenem Abend verschwand dieses Hochgefühl, und was ich auch tat, ich konnte mich nicht der Kontemplation widmen. ‚Oh Herr’, sagte ich, ‚Du prüfst mich erneut. Aber gut! Du bist es, der entscheidet. Möge Dein Wille geschehen.’ In diesem Moment war eine ‚Stimme’ zu hören: ‚Es ist im Inneren deines Herzens, wo du deine Abgeschiedenheit suchen solltest. Es gibt keinen Platz, der wirklich leer ist, allein das Herz ist leer und abgeschieden.’ Ich verstand, dass man mich daran hindern wollte, mich abzusondern, denn seit geraumer Zeit hatte ich mich ein wenig in meine Ecke zurückgezogen, obschon ich von Berufs wegen verpflichtet gewesen wäre, an gesellschaftlichen Ereignissen teilzunehmen und Einladungen anzunehmen. Abseits der Gesellschaft zu leben, ist nicht richtig. Wir müssen in der Gesellschaft leben und uns dabei [vor ihren schlechten Einflüssen] schützen. Wer die Abgeschiedenheit wählt, und sich den Versuchungen und Prüfungen, die das Leben in Gesellschaft an uns stellt, entzieht, dabei aber annimmt, tugendhaft zu sein, der irrt sich. Was zählt, ist, tugendhaft zu sein und zugleich in der Gesellschaft zu leben und am sozialen Leben teilzuhaben.

Warum ist ein aktives Leben in dieser Welt für die Selbst- und Gotteserkenntnis sowie für die Kenntnis unserer spirituellen Pflichten so wertvoll? Die Antwort entschlüsselt sich uns, wenn wir die Prinzipien betrachten, auf denen Ostad Elahis Empfehlungen an den spirituell Reisenden gründen; diese lassen sich in drei wesentlichen Punkten zusammenfassen: Erstens, Gutes sagen, Gutes sehen und Gutes wollen, also unsere moralischen Intentionen reinigen; zweitens, konsequent gegen die offenen oder auch versteckten Angriffe unseres Herrschsüchtigen Selbst kämpfen; drittens, unsere Aufmerksamkeit fortwährend auf Gott richten. Im Grunde handelt es sich dabei um verschiedene Aspekte ein und derselben spirituellen ‚Arbeit’ auf dem Weg der Vervollkommnung, die nicht voneinander getrennt werden können. Wenn man an einem dieser Punkte arbeitet, ruft man notwendigerweise die anderen beiden ebenfalls mit auf den Plan.

Das erste dieser Prinzipien, auf das sich Ostad Elahi wiederholt bezieht, besteht darin, allmählich zu erreichen, dass man Gutes sagt und Gutes will – bis man schließlich in allem das Gute sieht:

„Der spirituell Reisende sollte sich die folgenden Prinzipien zu Eigen machen:

‚Gutes sagen’: Das heißt, nicht schlecht über andere reden, niemanden verleumden, verfluchen oder beleidigen; usw.

‚Gutes sehen’: Nichts und niemandem als von Grund auf schlecht ansehen, sondern vielmehr das Gute in allem sehen...

‚Gutes denken und wollen’: Das, was man für sich selbst möchte, auch für die anderen wünschen; keinen Hass, Neid oder Groll empfinden, keine Rache üben wollen usw.“

Auch hier ist es außerordentlich wichtig, zu berücksichtigen, dass die Auffassung dessen, was wahrhaft ‚gut’ ist, in einem zutiefst spirituellen Sinn gesehen werden muss – und dass sie nicht von der Pflicht getrennt werden kann, die Aufmerksamkeit auf Gott zu richten. Das ‚Gute’ in all diesen Bereichen kann nicht ohne Anstrengung von einer äußeren Quelle bezogen werden, sondern nur durch den Prozess der spirituellen Selbstreinigung allmählich entdeckt und identifiziert werden, wie das folgende Zitat sagt:

„Wenn wir diese drei Prinzipien: Gutes sehen, Gutes denken und Gutes sagen, wirklich anwenden, können wir die positive Wirkung an uns wahrnehmen. Das Herz des Betreffenden wird erleuchtet, so dass er fähig ist, mit vollständiger Klarheit zu sehen anstatt durch den Nebel der Bitterkeit und des Grolls.“

Dieses Grundprinzip, auf das die Propheten und Heiligen so oft Bezug genommen haben, ist auf den ersten Blick leicht zu befolgen; aber sobald wir nur den kleinsten Versuch unternehmen, es in die Praxis umsetzen, werden wir mit einem weiteren zentralen Thema von Ostad Elahis Lehre konfrontiert: dem schwierigen Kampf zwischen unserer Himmlischen und unserer Irdischen Seele, dem ‚animalischen Selbst’ mit all seiner Tücke und seinen zahlreichen Maskierungen. Dieser unvermeidbare Kampf, den wir gegen jene Dimension in uns führen müssen, die sich in naturgegebener Weise unserer höheren und göttlicheren Natur entgegenstellt, nimmt in jedweder religiösen Tradition eine zentrale Bedeutung ein. Aber die Art und Weise, wie Ostad Elahi dieses Thema über seine gesamten Lehren hinweg darstellt, verhilft uns zu neuen Einsichten.

Zunächst betont Ostad Elahi die Notwendigkeit – sowohl in unserer eigenen spirituellen Arbeit als auch in der spirituellen Erziehung von Kindern und anderen Personen –, stets jene höhere Instanz in uns, die er als Himmlische Seele bezeichnet, zu stärken, anstatt die Kraft unseres Irdischen Selbst zu schwächen.

„Je stärker die Himmlische Seele ist, desto mehr gelingt es ihr, die Irdische Seele zu meistern. Die Methode, um unsere Seele zu stärken, ist, ihre wahre Würde, ihren wahren Wert  zu erkennen und ihr innerstes Wesen zu lieben. Auf diese Weise erwerben wir schließlich edle spirituelle Eigenschaften, so dass wir ganz von selbst alles ablehnen, was unserer Seele unwürdig wäre.“

Aus Sicht von Ostad Elahi zufolge ist es daher nicht nötig, unüberlegte heldenhafte Anstrengungen im Bereich der Askese zu unternehmen, um das Irdische Selbst zu erkennen und zu meistern. Dies ist vielmehr nur durch einen schwierigen, hochreflexiven Prozess der Selbsterkenntnis und Selbstmeisterung möglich, der von uns verlangt, dass wir unser Gewissen und unsere Selbstbewusstheit stärken.

„Gegen das Herrschsüchtige Selbst sollten wir wie folgt ankämpfen: Was auch immer das Irdische Selbst voller Verlangen und Leidenschaft wünscht – wir dürfen es ihm nicht geben, denn in diesem Zustand hat es keinerlei Achtung vor Religion, Vernunft oder Ehre. Sein einziger Wunsch ist die Befriedigung seiner Bedürfnisse! Will aber das Irdische Selbst etwas, das in Einklang mit den religiösen Vorschriften und dem gesunden Menschenverstand steht, dann sollten wir das respektieren und es ihm geben.“

Der dritte wesentliche Aspekt der praktischen spirituellen Lehre Ostad Elahis liegt darin, ‚unsere Aufmerksamkeit und unsere Intention auf Gott’ zu richten. Dieser Aspekt ist auf jeder Stufe unseres religiösen und spirituellen Lebens präsent, wie er an wiederholter Stelle betont. Daher gilt für jede Religion:

„Alle Gebete, Anrufungen, Andachtsübungen und dergleichen… gipfeln in dem Bestreben, die Aufmerksamkeit fortwährend auf Gott zu richten und zu erkennen, was man tun muss, um die Zufriedenheit Gottes zu erlangen.“

„Denn das Wesentliche am Gebet ist die Intention. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf Gott gerichtet haben, werden wir erhört – unabhängig davon, welcher Religion wir angehören, in welcher Form wir uns an Ihn wenden und welche Worte wir gebrauchen.“

„Um eine Verbindung zur göttlichen Quelle zu erhalten, muss der Mensch seine Aufmerksamkeit jederzeit auf Gott richten, so dass er ganz von selbst gut handelt und vermeidet, Schlechtes zu tun.“

Wenn aber nun die Aufmerksamkeit auf Gott schon auf der elementarsten Ebene des religiösen Lebens, also den religiösen Ritualen, von zentraler Bedeutung ist, welche wichtige und aktive Rolle spielt sie dann erst, wenn die Seele den Weg der Selbsterkenntnis geht, auf dem ihr die Gegenwart Gottes immer tiefer und konkreter bewusst wird? Wie essentiell es auf den fortgeschrittenen Stufen des spirituellen Weges ist, die Aufmerksamkeit auf Gott zu lenken, wird in der folgenden Passage besonders schön dargelegt – darin scheinen im Übrigen auch nahezu all die Punkte aus Ostad Elahis Gedankengut auf, über die wir heute gesprochen haben:

„Wer dem Weg der spirituellen Vervollkommnung folgen möchte, der benötigt eine Verbindung [zu Gott], und solch ein spiritueller Rang kann nicht durch künstliche Methoden erlangt werden… Letztendlich muss jeder Mensch seinen eigenen Zustand der Erleuchtung erfahren; durch diese Erleuchtung wird er die Manifestation der Wahrheit begreifen.“

„In dieser [höheren spirituellen] Welt geht es nicht um den Körper, sondern um die Himmlische Seele. Wir müssen folglich unsere Seele auf jene Welt ausrichten, und wenn wir das getan haben, dann wird die göttliche Quelle das Übrige tun…“

Abschließend möchte ich meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, dass Sie alle – unabhängig von Ihrem persönlichen Hintergrund oder Ihrer Konfession –, einiges in dem, was ich heute dargelegt habe, wieder erkennen konnten, was Ihnen bereits an den spirituellen Lehren von Ostad Elahi vertraut ist. Wenn dem so ist, dann hoffe ich auch, dass Sie dieses Wiedererkennen nicht nur der kleinen Auswahl seines umfassenden Schrifttums zuschreiben, sondern eben jenen Grundqualitäten von Geradlinigkeit, Einfachheit und Universalität, die die wesentlichen Merkmale seines Gedankenguts sind. Er selbst sagt dazu in den letzten Jahren seines Lebens:  

„Ich habe keine Frage unbeantwortet gelassen. Zwei Dinge sind nötig: Man muss das Gesagte verstehen und die Willenskraft besitzen, es in die Tat umzusetzen. Und diese Willenskraft kommt von der Seele.“

Wenn diese kurze Zusammenfassung seiner Lehren Sie an die Heiligen Schriften oder andere Lehren der großen Religionen erinnern, so sollte uns das nicht verwundern. Denn Ostad Elahi betont an wiederholter Stelle, dass die grundlegenden Prinzipien der spirituellen und religiösen Wirklichkeit in der Tat identisch und allgemeingültig sind, und dass sie wiederholt von Propheten und Heiligen übermittelt wurden – wenn auch angepasst an die jeweiligen Gegebenheiten von Zeit und Umfeld. Dennoch mag es sein, dass diese klassischen Fassungen ein und derselben Wahrheit durch den unausweichlichen Prozess der Überlieferung und Interpretation bzw. durch den Gebrauch einer ungewohnten oder bewusst symbolhaften Ausdruckweise in ihrem wahren Sinn entstellt wurden.

Nachdem ein immer größerer Teil von Ostad Elahis Werk nun in Übersetzung vorliegt, kann jeder selbst feststellen, wie es dem Autor gelingt, direkt in die Richtung dieser Wahrheit zu weisen, ohne sich dabei einer schwer zugänglichen Symbolik oder komplizierter Verschlüsselungen zu bedienen; wie er gerade das, was in früheren Traditionen oftmals verborgen war oder gar ganz fehlte, zutage fördert, und wie er uns anhält, unsere Aufmerksamkeit auf die ‚Quintessenz’ der Offenbarungsreligionen zu lenken, die alle in derselben Wahrheit wurzeln.

Schließlich sollten wir nicht vergessen, dass es noch andere wirkungsvolle Methoden der spirituellen Unterweisung und Kommunikation gibt, wie etwa die Musik, in der Ostad Elahi ebenfalls ein Meister war und die wir in diesem Vortrag nicht einmal erwähnt haben. Vielleicht vermag die besondere Wirkung seiner Musik – mehr als diese Ausführungen – dazu beitragen, dass sich uns die tiefere Bedeutung des folgenden Zitats erschließt:

„Ich habe zu jedem entsprechend seines Erkenntnisvermögens gesprochen, aber noch nie habe ich alles offengelegt, was in meinem Herzen ist.“

Nach oben www.ostadelahi.com    Offizielle Webseite von Ostad Elahi    Alle Rechte vorbehalten © 1995-2010