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In den späten Fünfzigern, als ich nach spiritueller Erlösung suchte, gleichzeitig aber besonders allergisch auf die Zerrbilder des alten biblischen Gottes reagierte, hatte ich mir eine Art private Mythologie zurechtgezimmert, die mir letztendlich keine echte spirituelle Befriedigung brachte. Mir war klar, wie sehr auch mein Geist mir glauben machen wollte, dass ich fliegen konnte, ich konnte der fünffachen Beschränkung meiner Sinne und ihrer erbarmungslosen Logik nicht entkommen, die mir sagte, dass das, wonach ich strebte, außerhalb der endlos hohen Mauern dieses Fünfecks lag. Natürlich gab es da diese aufflackernden Momente, in denen ich hätte schwören können, dass ein geheimer Empfänger irgendwo ganz schwache Schwingungen aufnahm, die von außerhalb der Gefängnismauern kamen. Sollten diese Überlegungen in irgendeiner Weise für die Wirklichkeit relevant sein – was sie tatsächlich waren, wie ich nach einiger Zeit herausfand – dann würde ich nach einem spirituellen Experten suchen müssen, der in der Lage wäre, Löcher in diese Mauern zu bohren oder, noch besser, jemanden finden, der fundierte Kenntnisse darüber besaß, was sich außerhalb der Mauern abspielte.
Im Jahre 1963 geschah es schließlich, dass ein sehr vertrauenswürdiger Freund mir von einem Weisen erzählte – Nur Ali Elahi –, der ebendiese ‚fundierten Kenntnisse von dem besaß, was sich außerhalb der Mauern abspielte’. Seine Berichte stimmten mit dem überein, was ich von anderen, die Ostad Elahi häufiger trafen, gehört hatte.
Das faszinierte mich und ich fragte mich, ob ich nun Antworten auf all die Fragen erhalten würde, die ich mir viele Jahre lang gestellt hatte. Ich war stets davon ausgegangen, dass der Weise, der mich auf den Weg der Erlösung führen würde, es nicht nötig haben würde, seine Weisheit aus dem alten allmächtigen Gott zu beziehen. Die Botschaft meiner Freunde jedoch war klar und deutlich: Es war ebendieser allmächtige Gott, der am Beginn aller Weisheit steht, und an dessen Seite all die Propheten aus Bibel und Koran stehen, sowie Buddha und Zarathustra und all die Heiligen, die wir kannten, zudem viele noch höherstehende Heilige, die uns unbekannt waren. Zugleich schien es, dass er für keine bestimmte Überzeugung Partei bezog, und indem er Buddha und Zarathustra im Kreise der monotheistischen Propheten willkommen hieß, ließ er eine neue Interpretation des alten Konzepts von Gott aufscheinen – denn keiner der beiden war jemals als ‚monotheistischer Prophet’ bezeichnet worden. Das war mehr als ein gutes Zeichen: Es war ein revolutionärer Ansatz. Ostad Elahi sagte, dass man echte spirituelle Bewusstheit erlange, wenn man keinen Unterschied mehr zwischen den unterschiedlichen Religionen mache und all diese Propheten und Heiligen als authentisch erachte. Er betonte, dass Gott nur eine einzige Religion hatte, die er den Menschen in unterschiedlichen Formen zu unterschiedlichen Zeiten zur Verfügung stellte, und dass das Endziel dieser einen Religion sei, Antworten auf die vier existentiellen Fragen zu finden: Woher komme ich? Warum bin ich hier? Was ist meine Aufgabe? Und wohin werde ich gehen? Diese eine Religion nannte er ‘Weg der Wahrheit’, und dabei betonte er stets, dass es auf dem Weg der Wahrheit in Hinblick auf Geschlecht, Hautfarbe oder Religion keinen Unterschied gebe.
Es war eine einmalige Chance, einem spirituellen Meister vorgestellt zu werden, der eine solch allumfassende Vision hatte, ein Weiser, der entgegen aller Erwartung seine asketische Zurückgezogenheit aufgegeben hatte und ein aktives Berufsleben als Richter gewählt hatte, um seine neuen Einsichten im Trubel des gesellschaftlichen Lebens auf die Probe zu stellen. Aber ich war auch zutiefst beunruhigt. Da ich für gewöhnlich eher skeptisch bin, war ich nicht sicher, ob ich mich auf eine so radikal einfache Sicht der Wahrheit einlassen könnte, eine Wahrheit mit einem allmächtigen – obschon sehr viel großmütigeren – Gott, der nach wie vor für alles verantwortlich war? Und doch war mir klar, dass ich den ersten Schritt tun musste…
Ein befreundeter Wissenschaftler nahm mich zu einer Versammlung mit, wo ich den Meister direkt fragen konnte, ob er mir helfen könne, meine immer größer werdenden Verwirrungen aufzulösen – die persönlichen Konstrukte, einst Quell großer Freude und Befriedigung, die mir aber jetzt nicht mehr das notwendige Licht gaben, um mich auf meinem Weg zu leiten.
Ostad Elahis Gegenwart war seltsamerweise gleichzeitig gelassen und dynamisch, sein Verhalten einfach, aber auf subtile Weise achtunggebietend; sein Blick war zugleich sanft und durchbohrend, sein Lächeln mild und doch mahnend; und seine Musik war meisterhaft und doch nicht wirklich von dieser Welt. Mein vertrauenswürdiger Freund nannte sie einmal ‚spirituelles Dynamit’ und Yehudi Menuhin, der in den späten Sechziger Jahren die Gelegenheit hatte, Ostad Elahi zu treffen und eine halbe Stunde lang seiner Musik zuzuhören, sprach von einer „unvergesslichen halben Stunde…“.
Ja, Ostad Elahi war auch ein großer Musiker von ungewöhnlicher Spiritualität, und sein Spiel auf der sakralen Tanbur, einer antiken persischen Laute, war von unerreichter Meisterschaft. In dieser Nacht sprach er wenig, stattdessen spielte er lange auf der Tanbur. Wie ich da so saß, völlig überwältigt, wurde mir klar, dass ich mich nicht mehr an die Fragen erinnern konnte, die ich so sorgfältig für diesen Anlass vorbereitet hatte. Sie waren verschwunden, hatten sich einfach in Luft aufgelöst. Und ich saß da, glücklich und mit leichtem Herzen, und mit der Gewissheit, dass ich auf der richtigen Spur war, wie ich da vor diesem Mann saß, der den Schlüssel zum Mysterium jenseits der Mauern der Sinne besaß…
Als es Zeit für uns wurde, zu gehen, hatte Ostad Elahi für jeden von uns ein paar beruhigende Worte parat. „Wegen dieser zwei Dinge, die Sie auf dem Herzen hatten –“, sagte er mit einem vielsagenden Lächeln, „vergessen Sie das erste, und Sie werden sehen, wie sich das zweite sehr bald schon klären wird.“ Nahm er Bezug zu meinen vergessenen Fragen? Meine Zunge klebte mir am Gaumen und so konnte ich noch nicht einmal diese einfache Gegenfrage stellen.
Es kam ein zweites, ein drittes und ein viertes Treffen, und mir wurde klar, dass ich nicht wirklich etwas gegen jenen Gott einzuwenden hatte – jenen einzigen Gott, der mit Jakob kämpfte, oder jenen einzigen Gott, den der Götzendiener in Wahrheit anbetete (wohl wissend, dass er den hölzernen Götzen von eigener Hand geschaffen hatte); geschweige denn mit jenem Einen, der ‚unser Vater im Himmel’ ist oder der gesichtslose ‚Weltgeist’ oder die ‚Lebenskraft’ der Philosophen, oder auch jene wahrhaft reine Intelligenz hinter dem Urknall in seiner ursprünglichen Dimension, ein nicht wahrnehmbares höchstes Bewusstsein, fähig, dem Licht zu befehlen, auf dass es Existenz annehme, oder fähig, einfach zu sagen ‚Sei!’ und zu sehen, dass es ‚ist’. Plötzlich schien es mir, als würden sich viele ungläubige, aber achtbare Wissenschaftler, ohne es zu wissen, auf diese geheimnisvolle Ursache aller Ursachen berufen, indem sie die Evolution grundsätzlich als etwas betrachteten, das dieses oder jenes wollte, und die dabei scheinbar völlig außer Acht ließen, dass etwas, das die Fähigkeit hat, dies oder jenes zu wollen oder zu wählen, notwendigerweise mit einem gewissen Grad an Intelligenz oder Bewusstsein ausgestattet sein muss, ohne das nichts gewollt werden, kein Programm ausgeführt werden, keine Ordnung errichtet werden und kein Gesetz aufgestellt werden könnte. Und dieses ganze Universum ist nichts als eine unendliche Zahl an Gesetzen, die verwirklicht wurden – aber nicht einfach durch sich selbst. Um einen Plan in die Wirklichkeit umzusetzen, muss man einen gewissen Grad an Macht haben. Ohne Macht könnte diese ursprüngliche, reine Intelligenz ihr Programm, selbst wenn sie es wollte, nicht ausführen. Daher ist es folglich nicht ungerecht oder unlogisch zu sagen, dass eine absichtsvolle und machtvolle Intelligenz hinter all dem ist: die Ursache aller Ursachen.
Es dauerte nicht lange, bis mir auf Ostad Elahis sanfte Anstoße hin klar wurde, wie unlogisch meine starrköpfige Verleugnung von Gott war. Durch ihn realisierte ich, dass viele Missverständnisse in Bezug auf unser Gottesbild auf der Tatsache beruhen, dass über Jahrtausende die diversen Einfälle der religiösen Institutionen für wahre Religion gehalten wurden und die Menschheit, gelinde gesagt, darunter sehr gelitten hat. In seiner Gegenwart schmolzen meine religiösen Allergien schlichtweg dahin, wie ein Schneeball in den Händen eines Kindes. Es war eben diese Gegenwart, die in Verbindung mit seiner Musik den Boden bereitete, ohne dass man es merkte. Und sobald er über ein bestimmtes Thema mit der für ihn so charakteristischen einfachen Ausdrucksweise zu sprechen begann, bekam man das Gefühl, einen neuen Einblick in eine hochkomplexe Wirklichkeit erhalten zu haben.
Wenn man einer bestimmten Frage nachgehen wollte, deren objektive Lösung jenseits der Umlaufbahn unseres gegenwärtigen Verständnisvermögens lag, dann sagte er einfach, dass man warten müsse und arbeiten solle, bis man reif genug sei, um die nächsthöhere Umlaufbahn zu beschreiten. In Bezug auf die Frage aller Fragen – Was bedeutet ‚Gott’ genau? – erklärte Ostad Elahi, dass jede Seele das Potential in sich trage, die genaue Bedeutung des Begriffs ‚Gott’ zu erfassen, dass aber die Seele, um es wirklich zu verstehen, ihren potentiellen Seinszweck, die Vollkommenheit, erfüllen müsse: ein Zustand gottähnlicher Allwissenheit, in dem der göttliche Funken der Seele sich zur Gänze entfaltet, das totale Gleichgewicht und schrankenlose Freiheit erlangt.
Ostad Elahi bezeichnet den langen und harten Weg, der die Seele in die Freiheit führt, als ‚Weg zur Vollkommenheit’. Ein wesentliches Werkzeug, das Ostad Elahi empfiehlt, um Vollkommenheit zu erlangen, ist, die Aufmerksamkeit immer stärker auf die Göttliche Gegenwart zu richten. Die Aufmerksamkeit auf Gott zu richten, ist wie ein Gebet, das ohne Worte auskommt. Diese Aufmerksamkeit stärkt den Glauben, der ein weiteres bedeutsames Werkzeug auf dem Weg ist. Dieser Glaube trägt dazu bei, unsere Aufmerksamkeit zu vertiefen und auszuweiten. Glaube und Aufmerksamkeit sind zwei eng verwandte Gaben der Seele, die sich, wenn sie erwacht sind, gegenseitig verstärken. Daneben spricht Ostad Elahi allerdings noch von einer weiteren Eigenschaft, die er als den Schlüssel zu allen Ebenen der Spiritualität bezeichnet: die Willenskraft.
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